Am Büchel stand ein repräsentatives römisches Gebäude

Archäologische Ausgrabungen fördern kostbaren Marmor-Boden zutage / 05.06.2012
 

Ein Fußboden aus Marmor, wahrscheinlich aus Italien importiert, das war auch im Aachen des 4. oder 5. Jahrhunderts ein Zeichen für besonderen Wohlstand und Reichtum. Reste eines Gebäudes aus dieser Zeit haben die Mitarbeiter von SK Archeo Consult, die die Baustelle am Büchel archäologisch begleiten, am Dienstag entdeckt. „Das ist eine große Besonderheit“, meint Stadtarchäologe Andreas Schaub, denn die Bauwerke dieser spätrömischen Epoche seien normalerweise eher aus dem Baumaterial und den Resten anderer Häuser entstanden. „Hier handelt es sich aber um einen Neubau“, so Schaub. Mit kostbarem Marmor aus Italien, Griechenland oder Belgien – woher genau, wird ein Geologe noch untersuchen. Schaub vermutet ein öffentliches, repräsentatives Gebäude, das zwischen Bahkauv und Körbergasse einmal gestanden hat. „Es war keine Badeanlage, denn das Gebäude stand deutlich höher als die Thermalquellen.“ Es liegt außerhalb der römischen Wehranlage, die aus einem Graben rund um den Markt angelegt und im 5. Jahrhundert zugeschüttet worden ist. „Das Gebäude ist abgebrannt“, so Schaub. Ob durch eine umgestürzte Öllampe, eine größere Brandkatastrophe oder durch Angriff von Feinden – das muss noch offen bleiben. Nach jetzigen Erkenntnissen besteht es aus drei oder vier Räumen, die insgesamt wohl eine Fläche von mindestens 10 mal 10 Meter umfasst haben.

 

Bereits in den sechziger Jahren wurden bei einer Grabung in unmittelbarer Nähe Marmorreste entdeckt, freilich ohne sie genau einordnen zu können. „Der jetzige Fund zeigt, dass Aachen sich in spätrömischer Zeit nicht reduziert, sondern vermutlich ausgedehnt hat“, so Schaub.

 

Vor einigen Wochen waren an der Krämerstraße Reste einer massiven, 4,63 Meter breiten römischen Steinmauer entdeckt worden, die wahrscheinlich zu einer Wehranlage gehört. Am Katschhof wurde zuvor ein dazu gehörender Spitzgraben gefunden, der etwa sechs Meter breit und zwei Meter tief gewesen ist und im Verlauf der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts verfüllt worden ist. Schaub vermutet, dass sich in römischer Zeit am Markt ein „burgus“ befunden hatte, der „ein militärisches Kontingent unbekannter Größe“ beherbergte und möglicherweise auch mit Türmen ausgestattet war. Die Karolinger haben offenbar im Bereich des heutigen Rathauses einen römischen Vorläuferbau vorgefunden und darauf die Königshalle Karls des Großen errichtet. „Aachen war am Ende der römischen Zeit noch von erheblicher Bedeutung“, konstatiert Monika Krücken, Leiterin der Abteilung Denkmalpflege und Archäologie der Stadt Aachen.

 

Bei den jüngsten Bauarbeiten am Markt haben die Archäologen zudem die Erkenntnis gewonnen, dass die heutige Jakobstraße nicht auf einer Wegeverbindung aus römischer Zeit verläuft. Der sogenannte Decumanus wird hingegen eher ein Stück in Richtung Rathaus vermutet.

 

Wann Aachen genau von den Römern bewohnt wurde, kann Andreas Schaub inzwischen auch recht zuverlässig bestimmen: Mindestens auf das Jahr 15 vor Christi datiert er den Zeitpunkt einer ersten Besiedlung – durch den Fund der Scherbe eines Aco-Bechers, der aus dieser Zeit stammt. „Aachen ist damit vielleicht älter als Köln“, meint Schaub.

 

„Die Archäologie ist zunächst ein Nebenprodukt der Bautätigkeit, aber zugleich eine große Chance, den historischen Wurzeln Aachens auf die Spur zu kommen. Das Bewusstsein dafür ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen“, erklärte Oberbürgermeister Marcel Philipp kürzlich auf einer Pressekonferenz. Auslöser seien die zum Teil über hundertjährigen Kanäle im Kernbereich der Innenstadt, die durch die STAWAG nach und nach saniert werden. Baumaßnahmen in der Innenstadt müssen grundsätzlich durch archäologische Untersuchungen begleitet werden – eine gesetzliche Vorschrift.