Methodik

Archäologische Arbeit

Forschung und Ausbau des Datenbestandes
 

In Aachen sind seit dem 18. Jahrhundert archäologische Beobachtungen unterschiedlicher Qualität dokumentiert. Demgegenüber steht die Erforschung des Ausgegrabenen weit zurück. Zahlreichen Abhandlungen über Untersuchungen am Aachener Dom stehen nur wenige Berichte über Grabungen in der Stadt gegenüber. Einen vielversprechenden Anfang machte 2004 Christoph Keller mit seinem Buch „Archäologische Forschungen in Aachen“.

Dokumentationen aller Bodeneingriffe sollten in den verschiedenen Archiven und Magazinen gesichtet und möglichst zusammengeführt werden. Ziel ist es, einen archäologischen Kataster der wichtigsten Epochen zu erstellen. Dadurch soll die Entwicklung des Ortes über die Jahrtausende erforscht werden. In diesem Zusammenhang ist die archäologische Bestandserhebung zu nennen, in deren Rahmen die Fachhochschule Köln bereits in einigen Bereichen der Innenstadt Kellerkataster erstellte.

Archäologische Geräte im Einsatz

3-D-Laserscanner

Der 3-D-Laserscanner dient zur dreidimensionalen Erfassung eines Befundes, in diesem Fall vornehmlich des aufgehenden Mauerwerks. Ein feiner Laserpunkt läuft dazu alle Mauern ab und erfasst millimetergenau ihren Aufbau. Aus diesen Daten lässt sich im Computer ein dreidimensionales Bild zusammenstellen, so dass man auch vom Schreibtisch aus die Befunde erneut überprüfen kann. Trotz ihrer Vorzüge ist diese Technik jedoch nicht in der Lage, herkömmliche Dokumentationsmethoden wie das Zeichnen per Hand zu ersetzen.

Maßstäbliches Zeichnen per Hand

Trotz moderner Dokumentationsverfahren wie des 3-D-Laserscans verliert die Zeichnung per Hand nicht ihre Bedeutung. Dabei nimmt der Bearbeiter den Befund sozusagen aus nächster Nähe in Augenschein und kann einen ersten Überblick über Auffälligkeiten und Besonderheiten gewinnen, die auf dem Zeichenblatt vermerkt werden können. Gleichzeitig dient die Nutzung verschiedener Methoden natürlich auch zur gegenseitigen Überprüfung.

Anwendung von Sieben

Die Anwendung von Sieben ist immer dann nötig, wenn mit besonders kleinen Fundstücken zu rechnen ist. Dies ist im Aachener Dom der Fall. Hier wurden große Teile des Erdreiches bereits bei den Altgrabungen von 1910 durchsucht, so dass viele größere Funde bereits geborgen wurden. Die aktuellen Grabungen haben jedoch gezeigt, dass eine große Menge an aussagekräftigen Kleinfunden übersehen wurde, die uns heute zu neuen Erkenntnissen verhelfen können.

 

Zeichenmaschine / Feldpantograph
Der Feldpantograph macht das maßstäbliche Zeichnen eines Befundes einfacher. Mit einem Metallstift werden die Umrisse der einzelnen Befunde abgefahren. Die Mechanik des Geräts setzt dies im Maßstab 1:20 in eine Zeichnung auf Papier um. Zwar müssen die so angefertigten Zeichnungen später noch einmal überarbeitet werden, doch spart die Anwendung des Pantographen immer noch eine Menge Zeit und Arbeitskraft.

Archäologische Methodik am Beispiel einer Münze

Eine Münze aus der Zeit Karls des Großen erzählt uns, wann die karolingische Marienkirche frühestens entstanden ist.
 

Für Archäologen ist ein Fundstück nur dann verwertbar, wenn der Fundzusammenhang bekannt ist. Eine Scherbe oder Münze ist als Objekt, losgelöst von jeglichem Kontext, kaum noch als historische Quelle verwertbar. Wir wollen herausfinden, was, wann, warum und von wem getan wurde. Das gelingt nur, wenn wir genau wissen, an welcher Stelle eines Gebäudes, Grabes, Brunnens oder Werkplatzes Gegenstände verloren gingen, weggeworfen wurden oder absichtlich deponiert wurden.

Ohne Zusammenhang würde diese Münze aus Aachen lediglich belegen, dass zur Zeit Karls des Großen in Aachen Geld verloren wurde. Die Münze wurde nun aber bei den laufenden Grabungen der Stadtarchäologie unter dem Dom gefunden. Sie kann durch Spezialisten (Numismatiker) in die Zeit nach 794 datiert werden. Die archäologische Aussage ist also: Die karolingische Marienkirche war frühestens nach dem Jahr 794 fertiggestellt – zumindest war der Fußboden vor diesem Jahr noch nicht verlegt worden.

Jüngste Grabungen der Stadtarchäologie erbrachten nun für den nördlichen Anbau des Doms (Nordannex) den Beweis, dass dieses Bauwerk tatsächlich in karolingischer Zeit entstanden ist. Drei winzige Tonscherben aus dem 8. Jahrhundert, also der karolingischen Zeit, wurden unter dem Mörtelfußboden (Estrich) entdeckt. Wären diese Scherben nur wenige Zentimeter von dieser Fundstelle entfernt gefunden worden, hätten sie nichts zur Geschichte dieses Bauwerks beigetragen. So aber zeigen sie uns, wann es frühestens entstanden sein kann.

Während die genannte Münze zweifellos auch einen gewissen materiellen Wert darstellt, sind die Scherben als Objekte natürlich wertlos. Ihr wahrer Wert liegt in den Zusammenhängen, die sich durch sie herstellen lassen: Die Zusammensetzung des Tons ermöglicht es festzustellen, dass die Scherben zum Teil aus dem mittleren Maasgebiet und aus dem rheinischen Vorgebirge stammen. Dadurch lassen sich Handelskontakte der karolingischen Bewohner Aachens rekonstruieren.

Ein Erdbeben...

Aquisgrani terrae motus noctu factus

Mit diesen Worten wird in den Reichsannalen für das Jahr 829 ein Erdbeben in Aachen beschrieben. Bereits für das Jahr 803 fand dort ein erstes Aachener Erdbeben Erwähnung.

 

Ausgrabungen haben an mehreren Fundamentmauern des Doms deutliche Risse ans Licht gebracht. Vor dem Eingang zur Nikolauskapelle zeigte sich, dass ein erster Kirchenfußboden zerstört und durch einen neuen Bodenbelag ersetzt wurde. Die zerstörten Bereiche wurden mit einem harten Gemisch aus Kalkmörtel und Steinsplittern aufgefüllt. Diese Flickungsschicht zog nun aber über einen durch das Erdbeben hervorgerufenen Mauerriss. Das bedeutete, der Riss war bereits vorhanden, als die Flickung ausgeführt wurde. Folglich muss das Ereignis, welches zu den Zerstörungen und Rissen geführt hat, noch in karolingischer Zeit erfolgt sein.

... und seine Folgen

Aufschlussreiche Schichtenfolge
 

An dieser Schichtenfolge unter dem Treppenaufgang zur Nikolauskapelle lassen sich Spuren eines Erdbebens und die Behebung der verursachten Schäden ablesen. Die unteren Erdschichten wurden von den karolingischen Bauhandwerkern zwischen den zunächst aufgehenden Partien der Fundamentmauern aufgeschüttet (A). Darüber folgt ein ca. 10 cm mächtiger weißer Kalkmörtelestrich. Hierbei handelt es sich um einen ersten Kirchenfußboden (B). Infolge eines Erdbebens verlor dieser Estrich an allen Seiten die Haftung zu den angrenzenden Wänden.

 

Die zwischen Estrich und Wand entstandenen Spalten wurden nach der Zerstörung durch ein Gemisch von Mörtel und Steinsplittern aufgefüllt (C).

Darüber folgt eine sterile Lehmschicht als bauvorbereitende Planierung vor Einbringung des neuen Fußbodens (D). Der jüngere Kalkmörtelestrich ist gleichmäßig mit Mergelsteinen durchsetzt (E). Durch Zusatz von Ziegelmehl bekam der Mörtel nicht nur die rosarote Färbung, sondern vor allem eine höhere Festigkeit und Feuchtebeständigkeit. Der ursprünglich darauf verlegte Schmuckfußboden hat sich nicht erhalten.